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Chinesische Medizin aus botanischer Sicht

Vortrag im Kontext der China Time Hamburg 2016           direkt zur Anmeldung

Mehr als 16.000 Pflanzenarten mit sämtlichen Synonymen in 5-sprachiger Bearbeitung: - das sind schon jetzt mehr als 1,5 Mio. Vokabeln, die der Hamburger Pflanzenkundler in der Datenbank seines botanischen Wörterbuchs zusammengetragen hat. Kernstück der Arbeit sind weiterhin die Heilpflanzen der chinesischen Medizin (TCM) mit 7.500 Arten, denen nach vierjährigem Quellenstudium 20.000 chinesische Drogenbegriffe zugeordnet werden konnten.

Gerhard Höfer, Autor des Wörterbuchs yaocaodict.com, bei einem Exkursionsvortrag zur chinesischen Pflanzenkunde.
©Lavendelfoto / Thomas Grimm
Gerhard Höfer, Autor des Wörterbuchs yaocaodict.com, bei einem Exkursionsvortrag zur chinesischen Pflanzenkunde.

Der Vortrag des Autors reflektiert 8 Jahre Übersetzungstätigkeit im Spannungsfeld zwischen Medizin, Pharmazie und Botanik zweier Kulturkreise:

Zunächst werden einige Pflanzen vorgestellt mit Verständnis- und Übersetzungsproblemen der bisherigen chinesischen Pflanzenkunde in westlichen Kulturkreisen von den Anfängen der europäischen Kolonialpolitik bis zur Kulturrevolution. Kenntnisse aus der chinesischen Medizin wurden damals nur zögerlich rezipiert. Lediglich Ginseng, Ingwer, Ginkgo und Bitterorange fanden auch Anerkennung in deutschen Arzneibüchern. Erst die Blinddarmoperation des amerikanischen Journalisten James Reston beim China-Besuch von Richard Nixon bewirkte im Westen schlagartig ein überschwängliches Interesse an der chinesischen Medizin und läutete dabei zugleich das Ende des Kalten Krieges zwischen China und den USA ein.

Der Autor erläutert seine Forschungsquellen: von der festgeschriebenen chinesischen Pharmakopoe aus der Mao-Zeit, über das aktuell wiederbelebte Interesse der Chinesen an der Tradition ihrer Heilmittel bei denen seit der Verfassungsänderung vom März 2004 auch wieder die Rezepturen nationaler Minderheiten zugelassen sind und im chinesischen TCM-Verständnis wieder eine Rolle spielen wie in den vier chinesischen Grundlagenwerken: 中国药典, 全国中草药汇编, 中药大辞典 und 中华本草. Diese innerchinesische Entwicklung in der Medizinrezeption wird im Westen momentan komplett ignoriert.

Zugleich fand die aktualisierte Überarbeitung der chinesischen Flora statt, bei der seit 1959 insgesamt 31.142 Pflanzenarten von 3408 Gattungen (in 301 Familien) neu bearbeitet wurden; dankenswerter Weise wurde dieses aufwändige Werk in 25 Bänden der Öffentlichkeit von der Universität Harvard auch in englischer Sprache als Online-Flora zur Verfügung gestellt. Dazu kommt neuerdings das chinesische Interesse an den volkskundlichen Namen seiner Pflanzenwelt, die aktuell im Naturkundemuseum von Peking zusammengetragen werden - in extremen Fällen finden sich dort für eine einzelne Pflanzenart 100 bis 150 volkskundliche Synonyme zu deren Benennung. Für diese Entwicklungen in der botanischen Forschung zeigen westliche TCM-Akteure bisher leider kein Interesse.

Bei der Rezeption der chinesischen Medizin in westlichen Kulturkreisen bemängelt Höfer das totale Desinteresse von Pharmazeuten und Medizinern an der botanischen Wissenschaft, die in den letzten Jahrzehnten enorme Umbrüche erfährt. Sprachliche Missverständnisse bzgl. chinesischer Pflanzennamen, Drogenbegriffe und Rezepturen hatten schon in der Vergangenheit immer wieder für Skandale gesorgt. Wegen ihres karzinogenen Potentials sind z. B. diverse Arten der Gattung Aristolochia inzwischen in Europa verboten, seit 2004 auch in China. Todesfälle in Folge von Leberschäden oder Nierenversagen nach der Einnahme von vermeintlich harmlosen chinesischen Kräutern sind teilweise bis heute noch nicht aufgeklärt www.spiegel.de/spiegel/print/d-15613905.html

Gerhard Höfer, Autor des Wörterbuchs yaocaodict.com, bei einem Exkursionsvortrag zur chinesischen Pflanzenkunde.
©Lavendelfoto / Thomas Grimm
Für die chinesische Arzneidroge 当归 – dang gui Hat G. Höfer bei seinen Recherchen im chinesischen Sprachgebrauch 38 unterschiedliche Stammpflanzen ermittelt, die zunehmend auch über graue Märkte des Internets in weltweiten Umlauf kommen. Unten im Bild die seriöse Wurzeldroge von Angelica sinensis var. sinensis in verläßlicher Apothekenqualität. Links und rechts oben im Bild zwei Drogen unter dem gleichen Namen von ungeklärten Stammpflanzen.

Während sich seriöse Apotheker in Deutschland zusammengeschlossen haben, um in einem Arbeitskreis die Identität, Reinheit und Wirkstoffgehalte ihrer angebotenen pflanzlichen Drogen aus China zu kontrollieren verlagert sich der effektive Umsatz von chinesischen Heilpflanzen aber immer mehr in unseriöse graue Märkte des Internets. Substitutionen für chinesische Arzneidrogen (z.B. Codonopsis-Arten statt teurem Ginseng) sind im innerchinesischen Umgang absolut üblich; zusammen mit den taxonomischen Umbrüchen bei der wissenschaftlichen Bezeichnung von Pflanzen und den Synonymen der volkskundlichen Benennung ergibt sich jedoch jetzt ein begrifflicher Dschungel im pflanzlichen Drogenbereich, der sich dem westlichen Laien nicht mehr erschließt. Der Autor hat schon jetzt mehr als 250 chinesische Drogenbegriffe ermittelt, die gefährliche Verwechslungspotentiale beinhalten, dazu pflanzliche Drogen aus (vorgeblich) wissenschaftlich benannten Pflanzenarten, die in der botanischen Fachliteratur überhaupt nicht auffindbar sind. Der gefährlichen Scharlatanerie mit Heilsversprechen aus der chinesischen Medizin sind damit in Zeiten des Internets wieder Tür und Tor geöffnet.

Höfer hat deshalb Verständnis für eine deutsche TCM-Szene, die sich auf ihre Insider-Publikationen im medizinischen („Porkert-Bibel“) wie im pharmazeutischen (Pharmakopoe, bzw. Materia medica) Bereich beschränkt, denn nur so kann aktuell die Sicherheit der Patienten in Deutschland gewährleistet werden. Zugleich mahnt Höfer aber die Gefahren solchen Sektierertums deutscher TCM-Akteure an, das sich vor allem durch die Abkoppelung von der botanischen Wissenschaft in ein gefährliches abseits begibt. Es besteht zum einen die Gefahr, dass die Rezeption der chinesischen Medizin in Deutschland mit ihren Publikationen auf dem überholten Status der 70er Jahre verharrt; zum andern ist Wegducken keine adaequate Verhaltensweise um den neuen Kommunikations- und Distributionswegen des Internets die Stirn zu bieten: die grauen Märkte des deutsch-chinesischen Handels im Internet beinhalten schließlich Gefahren, die langfristig die gesamte TCM-Szene in Deutschland in Verruf bringen kann. Und hier sind alle seriösen Akteure zum umsichtigen Handeln aufgefordert.

Mit dem Vortrag über sein botanisch-pharmazeutisches Wörterbuch will der Autor den Erfahrungsaustausch zwischen Heilpraktikern, Ärzten, Pharmazeuten, Botanikern und Sinologen fördern um einerseits künftigen Gefahren im Umgang mit der chinesischen Medizin vorzubeugen, andererseits aber ein sprachliches Werkzeug anzubieten, das langfristig den digitalen Umgangsformen der Globalisierung auch für ein aktualisiertes Verständnis der chinesischen Medizin gerecht wird.

In der Pause und nach dem Vortrag ist Gelegenheit für Net-Working und Fachgespräche.

Termin: Donnerstag, 17. November 2016, 18:00 bis 20:00Uhr (incl. Pause), Vortrag in deutscher Sprache mit anschließendem Erfahrungsaustausch (open end)
Veranstaltungsort: ein privater Atelier-Raum nahe der U-Bahn-Station Hagendeel (U2) in 22529 HH
Spende für den organisatorischen Aufwand (Hut geht rum);
Getränke zum Selbstkostenpreis.
Anmeldung: über dieses Anmeldeformular; angenommene Teilnehmer-Innen erhalten Anfang November eine Anmeldebestätigung mit Anfahrtskizze zum Veranstaltungsort. Sollten mehr als 25 Anmeldungen eingehen, sind Termine für Folgeveranstaltungen ab Februar 2017 geplant.

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