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Citrus aurantium

Citrus aurantium / suan cheng, 酸橙 / Bitterorange / Bitter Orange / Orange amère
Foto: Margrit Müller
Citrus aurantium / suan cheng, 酸橙 / Bitterorange / Bitter Orange / Orange amère

Datenpflege und weitere fachjournalistische Ausarbeitung dieses Lexikoneintrags im Internet werden ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung einer Patenschaft der Tiger-Apotheke in Bad Shanghai.

Familie: Rutaceae

Wissenschaftliche Bezeichnungen:

Aurantii cortex (Droge aus Schale)
Aurantii fructus (TCM-Droge)
Aurantii fructus immaturus (TCM-Droge)
Aurantii pericarpum
Aurantii pericarpum (Droge aus Schale)
Aurantium
Aurantium (spagyrisch)
Aurantii flos
Aurantii flos (Droge aus Blüten)
Citrus
Citrus amara
Citrus amara (homöopathisch)
Citrus aurantium
Citrus aurantium ssp. amara
Citrus aurantium ssp. aurantium
Citrus vulgaris
Citrus vulgaris (homöopathisch)
Fructus aurantii (TCM-Droge)
Fructus aurantii sive citri immaturus (TCM-Droge)
Fructus citri immaturus exsiccatus (TCM-Droge)
Fructus immaturus aurantii (TCM-Droge)
Fructus immaturus praeparata aurantii (TCM-Droge)
Fructus praeparata aurantii (TCM-Droge)

Chinesische Bezeichnungen:

lai mu 來母
suan cheng 酸橙

Chinesische pharmazeutische Bezeichnungen:

fu chao zhi qiao 麸炒枳壳
fu chao zhi shi 麸炒枳实
zhi ke 枳壳
zhi qiao 枳壳
zhi shi 枳实

Deutsche Bezeichnungen:

Aurantium
Bigarade
Bitterorange
Goldapfel
Grüne Orangen
Neroli
Neroliöl (Baum)
Orange
Orangetten
Pomeranze
Sauerorange
Sevilla-Orange
Spanische Gülderlinge
Zhi Quiao

Englische Bezeichnungen:

Bigarade
Bitter Orange
Bitter Orange Tree
Orange
Orange Flowers
Orange Peas
Seville Orange
Seville Orange Tree
Sour Orange
Sour Orange Tree
Unripe Orange

Französische Bezeichnungen:

Bigarade
Bigaradier
Fleur de néroli
Fleur d'oranger
Neroli
Orange
Orange amère
Oranger amère

Die Bitterorange (Citrus aurantium) gilt zu den ältesten Kulturbäumen in der formenreichen Gattung der Citrus-Arten. Ihre Ursprünge werden im Bereich zwischen Indien, Burma und Südchina an den Südhängen des Himalayas vermutet. Wegen der langen und teilweise differenzierten Kulturgeschichte der Art im asiatischen Raum, im Mittelmeerraum, der Karibik und anderen tropischen Anbaugebieten haben wir es heute in den meisten Fällen mit Kulturvarietäten aus lokaler Anbautradition zu tun. Carl von Linné war bei seiner Beschreibung noch von einer klar definierten Art (als Citrus aurantium) ausgegangen, die – von China kommend – spätestens seit dem 10. Jahrhundert auch im europäischen Mittelmeerraum (bis Spanien im Westen) bekannt war. Kultureinflüsse, der die Art schon in China mit Hybridbildungen ausgesetzt war, waren dagegen in Europa damals noch nicht bekannt. Mit dem Begriff „Poma aurantia“ für die goldenen Äpfel beschrieb man vor Linné in Europa lange Zeit sogar Apfelsinen und Pomeranzen als Früchte einer einzigen Baumart in süßer bzw. saurer Varietät. Diesem Trugschluss sitzen auch heute noch viele Endverbraucher auf, weil die ungenießbare Bitterorange, die nicht im Fruchthandel auftaucht, in Nordeuropa inzwischen als Frucht wieder nahezu unbekannt ist. Traditionsreiche europäische Anbauzentren für die asiatische Art und ihre Varietäten haben sich seit dem Mittelalter vor allem in Italien erhalten, wo die Baumart als Wirtschaftsfaktor eine andere Wertschätzung erfährt.

Für den Laien unterscheiden sich die Früchte der Bitterorangen kaum von den süßen Orangen des Fruchthandels. Foto: Margrit Müller
Citrus aurantium / suan cheng, 酸橙 / Bitterorange / Bitter Orange / Orange amère

Inzwischen ist nachgewiesen, dass die Bitterorange (Citrus aurantium) in China schon vor 2 000 Jahren zu den Kulturpflanzen gehörte und auf asiatischen Handelswegen im 1. Jahrhundert schon bis nach Japan gelangte. Über arabische Einflüsse auf den Handelswegen der Seidenstraße gelangte die Baumart mit ihren Früchten auch nach Westen und hatte schon im 10.–11. Jahrhundert die Mittelmeerländer erreicht. Ein erstes Vorkommen auf Sizilien ist für das Jahr 1002 belegt [1] und im 16. Jahrhundert erlebt die Baumart mit den Orangerien der Barockzeit einen ersten Verbreitungs-Höhepunkt in Europa. Im Unterschied zur Apfelsine (Citrus sinensis) ist das Fleisch der Fruchtsegmente von Citrus aurantium von derart bitterem bzw. saurem Geschmack (chin.: suan cheng, 酸橙), dass sie zur Verwendung als Frischobst nicht geeignet ist. Bitterstoffe und Gehalt an ätherischen Ölen begründen aber ihrerseits die frühe medizinische Verwendung der Frucht in China und die spätere Karriere der Baumart als Rohstofflieferant der europäischen Parfumindustrie.

Die aktuelle chinesische Flora unterscheidet für den chinesischen Anbau drei hauptsächliche Kulturguppen für die Hybridformen der Art (Sour Orange Group, Sweet Orange Group und eine in der Karibik entstandene Zuchtvariante als Grapefruit Group), mit denen sich heute auch in China zahllose Kultursorten differenzieren lassen. Die europäische Anbautradition der Citrus-Art kennt mit der Bergamotte (gelegentlich als Citrus aurantium subsp. bergamina) eine weitere differenzierbare Kulturvarietät, die – vermutlich von der Türkei kommend – zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert erstmals in Kalabrien erwähnt wird. Wegen ihres differenzierten Ölgehalts begeisterten sich italienische Parfumeure schon sehr früh für diese Varietät, die in Europa eine eigene Wertschätzung erfuhr. Duftwässer wie das ‚Eau de Cologne‘ und andere weltberühmte Parfum-Marken sind der Experimentierfreude der Italiener im Umgang mit dieser Frucht geschuldet.

Kräftige ölhaltige Blütenstände der Bitterorange vor der Beerntung der Bäume in Südfrankreich. Foto: Margrit Müller
Citrus aurantium / suan cheng, 酸橙 / Bitterorange / Bitter Orange / Orange amère

Im deutschen Sprachgebrauch wird gelegentlich auch eine strauchig-dornige Art (Poncirus trifoliata) als Bitterorange bezeichnet, die in der aktuellen chinesischen Flora ebenfalls der Gattung Citrus zugeordnet wird. Sie gehört nicht zu den Obstvarietäten der Citrus-Bäume, wird aber im Citrus-Anbau gelegentlich als Pfropfunterlage verwendet um Citruszüchtungen eine stärkere Frostresistenz zu verleihen. Ihre Früchte mit ausgeprägten Ölgängen in der Schale finden sich in volksheilkundlichen Anwendungen vom Vorderen Orient (Iran) bis nach China.

Bei der differenzierten Betrachtung von Bitterorangen sollte also immer die lokale Anbau- und landesspezifische Kulturtradition mit berücksichtigt werden. Ausgeprägte chinesische Sorten der Art werden in weiteren Einträgen dieses Lexikons berücksichtigt.

Die Varietäten der Bitterorange (Citrus aurantium) sind Bäume mit Wuchshöhen zwischen 5–10 m. Vom Habitus der süßen Orange (Citrus sinensis) unterscheiden sie sich u. a. durch bedornte Zweige und häufig durch einen geflügelten Blattansatz. Die duftenden weißen Blüten mit 5–8 ölhaltigen Korollblättern sind deutlich kräftiger im Wuchs als die ähnlichen Blüten bei Zitrone und Apfelsine. Auch die medizinisch verwendete Schale der Früchte ist dicker als bei den Früchten der süßen Orange, aus denen wir in Nordeuropa unsere winterliche Vitaminversorgung beziehen.

Vor der Nutzung des Fruchtfleischs werden die Schalen der Bitterorange einem eigenen Verwertungsprozess zugeführt. Foto: Margrit Müller
Citrus aurantium / suan cheng, 酸橙 / Bitterorange / Bitter Orange / Orange amère

Aus der langen Kulturgeschichte der Art finden fast alle Teile des Baums ein exquisites Nutzungsinteresse, das vor allem dem hohen Gehalt an ätherischem Öl geschuldet ist, dem die Baumart auch ihre frühe Verwendung als Kulturpflanze verdankt. Petit-Grain-Öl nennt man aus der Tradition französischer Parfumeure das Destillat, das aus jungen Zweigen, Blättern und unreifen Früchten gewonnen wird. Neroli-Öl ist dagegen italienischen Ursprungs, erfunden von der Fürstin Maria de la Tremouille, die das Öl nach ihrer Heimatstadt im Norden Roms benannte. Noch heute produziert man dieses Öl als Wasserdampfdestillat der Blüten, die zu diesem Zweck eigens als Rohstoff für die Parfumindustrie beerntet werden.

Ausgebreitete Jutebahnen unter den blühenden Bäumen erleichtern das Aufsammeln frisch geernteter Blüten. Foto: Margrit Müller
Citrus aurantium / suan cheng, 酸橙 / Bitterorange / Bitter Orange / Orange amère

Selbst das Wasser aus dieser Destillation wird als Orangenblütenwasser in Küche und Haushalt (Duftnote beim Bügeln) weiter verwendet. Getrocknete Blüten finden Verwendung zur Aromatisierung von Teemischungen und gelten volksmedizinisch als mildes Sedativum bei Schlafstörungen. Die Schalen der Bitterorange werden auch in deutschen Drogenmonographien [2] aufgeführt; sie können als Teeaufguss verwendet werden und sind in phytotherapeutischen Kombinationspräparaten enthalten, die – vergleichbar den chinesischen Anwendungen – vor allem der Appetitanregung dienen. In kandierter Aufbereitung kennen wir die Schalen von Bitterorangen als Orangeat in der Weihnachtsbäckerei (Aranzini der Österreicher). Das Fruchtfleisch selbst (z. T. unter Beigabe von Perikarpstücken) liefert die traditionsreiche Frühstücksmarmelade der Engländer, die dort als ‚marmalade‘ auch sprachlich deutlich von ‚jam‘ als Konfitüre anderer Fruchtsorten differenziert wird. Der Geschmack einschlägig bekannter Likörmarken ist ebenfalls dem Fruchtfleisch der Bitterorangen zu verdanken.

Unsere Drogenabbildung zhi shi (枳实) stammt aus einem chinesischen Anbaugebiet in Hunan und entspricht den kontrollierten Anforderungen an deutsche Apothekenqualität. Foto: Thomas Grimm
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Die TCM-Droge zhi shi (枳实 / Aurantii fructus immaturus) beinhaltet diverse Sorten der Bitterorange (Citrus aurantium) und der Apfelsine (Citrus sinensis). Im Frühsommer (Mai/Juni) werden dazu in den chinesischen Anbaugebieten die unreifen Früchte, die vom Baum gefallen sind, verwertet. Der Überbestand an Blüten der Citrusbäume bewirkt, dass nicht alle Früchte eines Zweiges zur Reifung kommen können, überschüssige Fruchtansätze werden deshalb vor dem Reifungsprozess abgestoßen um dem Baum die optimale Nahrungsversorgung seiner besten Früchte zu gewährleisten. In den Mittelmeerländern werden deshalb die Blütenstände der Bitterorange schon vor der Fruchtbildung beerntet, weil man auch aus ihnen die wertvollen ätherischen Öle (Parfumindustrie) gewinnt. In China wird dagegen eine erste Fruchtbildung aller Blüten zugelassen. Erst im Anschluss werden die unreifen abgestoßenen Früchte für die arzneiliche Verwertung gesammelt, quer aufgeschnitten und an der Sonne getrocknet. Für die Aufbereitung der TCM-Droge zhi shi (枳实) werden die getrockneten Rohsammlungen noch einmal gereinigt, durchfeuchtet, in Scheiben geschnitten und erneut getrocknet. In anderer Darreichungsform (fu chao zhi shi, 麸炒枳实) können die Fruchtscheiben auch bis zu einer gewissen Farbvertiefung geröstete sein. Das chinesische Arzneibuch indiziert dafür Anwendungen bei Verdauungsstörungen mit unverdauten Speiseansammlungen und Stockungen des Energieflusses.

Für die TCM-Droge zhi qiao (枳壳 / Aurantii fructus) werden dagegen nur die Kultursorten von Citrus aurantium und ihre Varietäten verwendet; dazu werden die Früchte vor der Reifung im Juli mit grüner Schale geerntet, quer durch die inneren Fruchtsegmente aufgeschnitten und nach Entfernung der zahlreichen Samen behutsam an der Sonne getrocknet. Das chinesische Arzneibuch indiziert verdauungsfördernde Eigenschaften bei Völlegefühl und innerem Säftestau. Für beide Arzneidrogen warnt das chinesische Arzneibuch vor Anwendungen in der Schwangerschaft – die Synephringehalte der Frucht sind in ihrer Wirkung (Fatburner) noch nicht hinreichend erforscht.

Nach der Entfernung zahlreicher Samen zeigen die getrockneten Früchte deutliche Vertiefungen in den Fruchtsegmenten der Droge zhi qiao (枳壳). Foto: Thomas Grimm
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[1] Schirarend, Carsten: Von Apfelsine bis Zitrone. In: Schirarend, Carsten ; Heilmeyer, Marina ; Fördererkreis der Naturwissenschaftlichen Museen Berlins (Hrsg.): Die goldenen Äpfel : Wissenswertes rund um die Zitrusfrüchte. Berlin : G-und-H-Verl., 1996, S. 28

[2] Wichtl, Max (Hrsg.): Teedrogen und Phytopharmaka : ein Handbuch für die Praxis auf wissenschaftlicher Grundlage. 4. Aufl. Stuttgart : Wiss. Verl.-Ges., 2002, S. 66 ff.

Gerhard Höfer. Hamburg, 2011-09-27

  • Die aktuelle wissenschaftliche Darstellung dieser Pflanzenart in englischer Sprache finden Sie hier ...
  • 对于这种植物物种的目前科学的英语描述,见此 ...
  • A topical scientific description of this species in English language can be found here ...
  • Une description de cette espèce (en anglais) au niveau actuel de la science botanique se trouve ici ...

Die Hamburger Fachredaktion um Gerhard Höfer (Pflanzenarchiv Lavendelfoto) ist Ihnen bei Bedarf mit weiteren Fotos seiner Autoren, auf Wunsch auch mit Texten und Quellenangaben zu dieser Pflanzenart und ihren chinesischen Heilanwendungen behilflich (Tel.: +49 40 5001311).


Die Nennung von Pflanzenarten und pflanzlichen Drogen aus der chinesischen Medizin beinhaltet keine Aufforderung zur unqualifizierten Einnahme solcher Mittel. Bei ernsthaften gesundheitlichen Problemen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.

对于中国医学的植物和植物药材的命名并不支持对这些药材植物的不恰当食用。对于有健康方面问题的人请求助于您的医生和药店。

Our dictionary entries of Chinese plant species and drugs from traditional Chinese medicine does not invite you to experiment with these drugs. If you have serious health problems please contact a doctor or a pharmacist.

La désignation d’espèces et de drogues végétales provenant de la médecine chinoise ne constitue pas une incitation à la prise irréfléchie des moyens en question. En cas de problèmes de santé graves, veuillez vous adresser à votre médecin ou pharmacien.

 
 

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© Gerhard Höfer, 2010