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Zielsetzungen für Yaocaodict.com

Begleitende Gedanken des Initiators zu diesem Online-Wörterbuch

Ein internationales botanisches Wörterbuch der chinesischen Heilpflanzenkunde als Datenbank in einem europäischen Online-Lexikon: Der Gedanke an eine solche Kommunikationsbrücke zwischen Kontinenten und Kulturen ist ebenso faszinierend wie seine Realisierung im Zeitalter der Globalisierung überfällig scheint. Mit dem Basiswissen unserer botanischen Fachagentur haben wir uns nun der Herausforderung an ein internationales Fachwörterbuch zu den Heilpflanzen der chinesischen Medizin gestellt und möchten Sie mit den begleitenden Gedanken zu diesem Projekt vertraut machen.

Die ungeahnten Handels- und Kommunikationsformen, die das Internet in den letzten Jahren auch für den pflanzlichen Bereich eröffnet hat, sind kaum noch zu übersehen. Trotz expandierender Umsätze und vielfältiger neuer Handelswege sollte diese Entwicklung mit einer gesunden Skepsis beobachtet werden. Kulturelle Gewohnheiten im Umgang mit pflanzlichem Material sind nicht ohne weiteres dem Tempo der Globalisierung anzupassen. Auf weite Strecken hinkt die menschliche Kommunikation den realen Handelswegen um unbemerkte geistige Meilen hinterher. Der Umgang mit Heilpflanzen aus der traditionellen chinesischen Medizin ist ein signifikantes Beispiel für solche Entwicklungen, das eine Menge kultureller Missverständnisse nach sich zieht. Während jährlich schon eine Importmenge von schätzungsweise 2 000 Tonnen chinesischer Kräuter den Weg von China nach Europa findet, ist das europäische Wissen um diese pflanzlichen Drogen immer noch erschreckend nebulös. In einem ersten Schritt lexikalischer Erfassung wollen wir deshalb den Gedankenaustausch zwischen Europa und China und das pflanzliche Verständnis der Europäer gegenüber dem asiatischen Heilpflanzenfundus durch sachlich fundierte Aufklärung verbessern.

Einblick in die Alltagssituation einer chinesischen Apotheke; Foto: Thomas Grimm
Einblick in die Alltagssituation einer chinesischen Apotheke

TCM im botanischen Verständnis der Ausgangslage für China und Europa

Circa 30 000 höhere Pflanzenarten werden aktuell in China kartiert und in der Überarbeitung der chinesischen Flora systematisch und taxonomisch neu erfasst. Dazu kommen Farne Moose, Schachtelhalme, Algen, Pilze und diverse andere niedere Pflanzenarten aus deren Gesamtheit sich dann der Fundus chinesischer Arzneipflanzen ableiten lässt.

Eine Studie der Universität von Sichuan wies schon 1994 insgesamt 4 100 arzneilich genutzte Pflanzenarten allein für die geographische Region der Provinz Sichuan aus. Eine offizielle staatliche Erhebung der 80er Jahre verweist auf 12 000 TCM-Drogen in China, die zu 87 % aus pflanzlichem Ausgangsmaterial stammen. Da eine Pflanzenart aber durchaus Stammpflanze mehrerer pharmazeutischer Drogen sein kann (je nachdem welche Pflanzenteile in welcher Aufbereitung pharmazeutisch genutzt werden) bleibt die effektive Anzahl der pharmazeutisch genutzten Pflanzenarten aus China („chinesischen Heilpflanzen“ im falsch verstandenen deutschen Sprachgebrauch) nach wie vor in einem geschätzten Bereich.

Aus diversen Erhebungen können wir aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass im gesamten geographischen Raum der Volksrepublik China 5 000 bis 10 000 Pflanzenarten als ganze Pflanze oder in Teilen (Wurzel, Rinde, Blätter, Kraut, Frucht, Samen oder andere aufbereitete Drogenformen) pharmazeutisch oder volksmedizinisch zur Anwendung kommen. Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) im volkstümlichen chinesischen Sinne ist also ein definitorisches Konstrukt, das in China selbst durch zahllose geographische und ethnobotanische Anwendungsformen aufgefächert ist und im klassischen Sinne auch nur vor dem Hintergrund der jeweiligen lokalen chinesischen Kulisse begreiflich wird. TCM wird also in Shanghai anteilig auf ein anderes pflanzliches Sortiment zurückgreifen als in Sichuan; in Tibet werden neben einem Basis-Sortiment verstärkt auch Pflanzenanteile aus der Himalaya-Region anzutreffen sein, während die TCM-Praxis des Nordwestens mongolische und dahurische Floreneinflüsse erkennen lässt und in Taiwan sogar Einflüsse der indonesischen Flora in der Anwendung von TCM-Pflanzen nachvollziehbar sind.

Unsere aktuelle Internet-Recherche (1. Halbjahr 2009) brachte für den europäischen Endverbraucher immerhin schon Drogenangebote zutage, die insgesamt auf ca. 1 500 chinesische Pflanzenarten unterschiedlichster chinesischer oder asiatischer Provenienz verweisen und die ohne pharmazeutische Kontrollinstanzen problemlos im Internet zu erwerben sind. Für das nun veröffentlichte Online-Wörterbuch haben wir aktuell (Stand: Februar 2010) nahezu 5 000 chinesische Pflanzenarten aus medizinischen Anwendungsbereichen erfasst, die von nun an stufenweise nach redaktionellen Gesichtspunkten in unterschiedlichen Bearbeitungsständen für Internet-Nutzer frei geschaltet werden um zumindest gröbsten Missverständnissen im internationalen Handelsverkehr und ggf. auch Schäden durch laienhaften Missbrauch vorzubeugen.

Machen wir uns aber zunächst einmal klar, dass unabhängig von dem reichhaltigen asiatischen Pflanzensortiment in China selbst bei der Anwendung der traditionellen chinesischen Medizin auch vor Ort nur „mit Wasser gekocht“ wird. Ein zahlenmäßiger Vergleich zwischen deutscher und chinesischer „Phythotherapie“ mag das verdeutlichen:

Ein deutscher Apotheker, der hoffentlich noch über eine solide phythotherapeutische Ausbildung mit entsprechender Drogenkenntnis verfügt, greift in seiner einschlägigen Fachliteratur (z. B. Wichtl: Teedrogen und Phythopharmaka) für die pharmazeutische Praxis auf Drogenelemente aus 224 Pflanzenarten zurück. Erweitert er sein Repertoire um homöopathische Arzneimittelbilder, dann könnten ihm bis zu 900 Pflanzenarten bekannt sein, ohne dass er diese für seinen eigenen Arbeitsablauf noch detailliert zu kennen braucht – für seinen Alltag ist die Kenntnis der entsprechenden Drogenwirkung hinreichend.

Die europäische Wurzeldroge Angelicae radix auf unserem Bild (Stammpflanze: Angelica archangelica) hat eine hohe Affinität zur TCM-Droge dang gui (当归) (Stammpflanze: Angelica sinensis); Foto: Gerhard Höfer
Die europäische Wurzeldroge Angelicae radix

Ähnlich verhält es sich mit dem offiziellen Arzneibuch der chinesischen Medizin: Die Rückführung von Drogenmonographien der chinesischen Pharmakopoe auf pflanzliches Ausgangsmaterial verweist in unserer Datenbank lediglich auf 362 Pflanzenarten. Erweitern wir dieses Basis-Sortiment um lokal gebräuchliche Ersatzdrogen oder regional spezifische Sonderanwendungen, so wird deutlich, dass dem chinesischen Apotheker vor Ort in der Regel ein ähnlich breites Pflanzensortiment wie den europäischen Kollegen obliegt, allerdings mit teilweise völlig anderen Pflanzenarten, Zubereitungen und Verschreibungskriterien.

In Gesprächen über die Praxiserfahrung von TCM-Anwendern in Deutschland ist meistens sogar von einer praktischen Beschränkung auf lediglich 150 Drogen in der therapeutischen Anwendung der traditionellen chinesischen Medizin die Rede, die die Anwender selbst meist auch nur in Anlehnung an das Arzneibuch der chinesischen Medizin in diesem überschaubaren Umfang bei ihren chinesischen Ausbildern kennen gelernt haben. Damit können wir dem Ruf der asiatischen Heilkunst zumindest die Gefahr unkontrollierbarer Entgrenzung nehmen. Die beeindruckenden Zahlen von 5 000 und mehr Pflanzenarten aus der chinesischen Heilkunde addieren sich erst dann auf, wenn wir unserem Anspruch als Wörterbuch folgend hunderte von partikularen chinesischen TCM-Anwendungsrezepturen aus dem gesamten Land von Taiwan bis zur mongolischen Grenze und vom Pazifik bis zu den Berghöhen des Himalaya zusammen auflisten. Neben den offiziellen Pflanzenarten gemäß den Drogenmonographien des chinesischen Arzneibuchs wollen wir mit dem Wörterbuch von Yaocaodict.com gezielt auch alle Heilpflanzen aus ethnobotanischen Anwendungen in der Volksrepublik China erfassen um als Wörterbuch künftiger Internet-User Hilfestellungen in einem ebenso spannenden wie diffizilen Bereich internationaler Kommunikation zu leisten, ggf. Gefahren für unbedarfte Konsumenten abzuwenden und zugleich die pharmazeutische Forschung grenzüberschreitend unterstützen.

tao ren (桃仁) / Semen persicae; Foto: Thomas Grimm
tao ren (桃仁) / Semen persicae

Terminologie und Sprachverwirrung in der interkulturellen Praxis

An der oben skizzierten Ausgangslage setzt unser aktueller Arbeitsansatz an: Neben einer reichhaltigen Quellenforschung (aktuell haben wir nahezu 5 000 chinesische Heilpflanzen erfasst) konzentrieren wir uns bei der bevorstehenden lexikalischen Aufarbeitung zunächst auf die 362 Pflanzenarten, die auch in den Drogenmonographien der chinesischen Pharmakopoe referenziert werden und die sich weitgehend mit dem Drogensortiment seriöser Importeure in Europa decken. Diese 362 Pflanzenarten sind für Yaocaodict.com schon jetzt mit sämtlichen Synonymen der behandelten Sprachen erfasst; alle Drogenbezeichnungen sind in wissenschaftlicher Nomenklatur und in chinesischer Verkehrssprache den Wörterbucheinträgen der Stammpflanzen zugeordnet und sollen dann in einer zweiten lexikalischen Ausbaustufe auch textlich erklärt werden. Damit wollen wir das Kernangebot der chinesischen Heilpflanzen für eine wissenschaftlich nachvollziehbare Kommunikation zusammen mit einem alltagstauglichen Vokabular zwischen europäischen Anwendern und chinesischen Produzenten und Lieferanten weiter erschließen. Das Ergebnis wird wesentlich zu begrifflicher Klarheit in der Kommunikation dieses Fachgebiets zwischen europäisch/westlicher und chinesischer Seite beitragen.

Drogenbegriffe zwischen Pharmazie und Botanik am Beispiel dang gui (当归)

Eine fortwährende sprachliche Verwirrung zwischen chinesischer und westlicher Kultur war trotz klar definierter wissenschaftlicher Publikationen in der bisherigen Kommunikation im Heilpflanzenbereich immens. Dies hat verschiedene Ursachen: So bieten z. B. fließende Übergänge zwischen botanischem und pharmazeutischem Sprachgebrauch in der chinesischen Sprache eine Quelle von zahllosen Verwechslungsmöglichkeiten für den ausländischen Rezipienten. Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen:

Chinesische Wurzeldroge dang gui (当归) in deutscher Apothekenqualität; Foto: Thomas Grimm
Angelica sinensis var. sinensis / dang gui, 当归 / Chinesische Angelika / Chinese Angelica / Angélique chinoise

Die TCM-Droge dang gui (当归) ist nach dem Arzneibuch der chinesischen Medizin klar definiert als Wurzel der Pflanzenart Angelica sinensis. Die botanische Gattung Angelica ist in China aber ihrerseits mit 53 Arten vertreten, von denen 27 Arten in der lokalen chinesischen Volksheilkunde in unterschiedlichen Provinzen als Ersatz im therapeutischen Umfeld für die genannte Wurzeldroge dang gui gebraucht werden können. Als weiterer legitimer Ersatz für diese Wurzeldroge werden in China aber auch in manchen Regionen bestimmte Arten der Gattung Heracleum (mit insgesamt 36 Arten in China), der Gattung Ligusticum (insgesamt 45 Arten in China) und Peucedanum (mit 47 chinesischen Arten) herangezogen, zusätzlich 2 Arten der Gattung Archangelica und von der Gattung Ostericum (mit 15 Arten in China) sind vier Arten aus medizinischer Anwendung in China bekannt. Insgesamt können damit unter dem erweiterten volkskundlichen chinesischen Drogenbegriff dang gui bis zu 74 von insgesamt 198 möglichen Pflanzenarten aus 6 Gattungen bezeichnet sein ohne dass diese Pflanzenarten überhaupt beim Namen genannt werden, geschweige denn für den ausländischen Verbraucher anders benennbar wären als mit der Drogenbezeichnung dang gui, die außerhalb der engen Grenzen des chinesischen Arzneibuchs eine enorme Interpretations- und Anwendungsbreite hat. Erst unter Bezug auf die botanische Nomenklatur (wissenschaftlich und umgangssprachlich) lässt sich in solchen Fällen Klarheit schaffen, die für eine verlässliche Kommunikation mit chinesischen Partnern unerlässlich ist.

Zweifelhafte Wurzeldroge dang gui (当归) aus Verkaufsquellen des Internets; Foto: Thomas Grimm
Angelica sinensis var. sinensis / dang gui, 当归 / Chinesische Angelika / Chinese Angelica / Angélique chinoise

Die Aufschlüsselung von solchen Synonymen – sowohl auf sprachlichem Niveau in der chinesischen Ausgangsbezeichnung für die Pflanzenart wie auch in der lokalen chinesischen Anwendung von pflanzlichen Arzneidrogen – war eines der größten Hindernisse unserer bisherigen Übersetzungsarbeit. Nur in wenigen Fällen ist der chinesische Drogenbegriff mit dem Pflanzennamen identisch. Der deutsche TCM-Praktiker ist von dem Problem wenig tangiert, denn er folgt in seiner Praxis den Drogenmonographien des chinesischen Arzneibuchs, die ihm sowohl in chinesischer Sprache wie in wissenschaftlicher Nomenklatur einen klar definierten Begriff für seine Drogenverwendung mit therapeutischer Zielsetzung an die Hand gibt. Wenn er dann bei seiner Arbeit zusätzlich auf eine verlässliche Vernetzung mit entsprechenden Qualitätskontrollen vom chinesischen Anbau über den chinesischen Export bis zum europäischen Import und seinen pharmazeutischen Verteilersystemen zurückgreifen kann, sollte er damit für seine therapeutische Praxis auf der sicheren Seite sein.

Anders geht es dem Botaniker, Drogenimporteur, Überwachungsbeamten beim Zoll oder künftig auch dem Internet-Konsumenten, der über die Drogenbezeichnung des Anwenders hinaus nach einer botanischen Benennung unterschiedlichster involvierter Stammpflanzen der bezeichneten Droge sucht. Hier stehen wir auf weite Strecken noch in terminologischem Neuland, wo uns die Vorgänge des unkontrollierten Internet-Marketings künftig noch mit enormen Problemstellungen konfrontieren werden. Die nun vorgelegte Datenbank sollte also unbedingt langfristig gepflegt und nach fortschreitenden Marktbedürfnissen fachlich erweitert werden; das Projekt Yaocaodict.com signalisiert hier eine deutliche Kooperationsbereitschaft gegenüber allen wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen und staatlichen Stellen, die mit Belangen der chinesischen Medizin und des Kräuterhandels mit China betraut sind.

Angesichts der offensichtlichen Vielfalt in der lokalen Ausprägung der TCM-Drogen in China wird die Notwendigkeit eines pharmazeutisch überschaubaren (und überprüfbaren) Angebots in der therapeutischen Praxis schon am Beispiel einer einzigen pflanzlichen Droge (obiges Beispiel dang gui) klar. Der verantwortungsvolle europäische Anwender wird sich deshalb vorläufig auch in seiner Praxis auf das kontrollierte und kontrollierbare Angebot aus dem chinesischen Arzneibuch beschränken. Wie vermitteln wir aber diese Problematik dem Anwender, der dang gui aus dem Asia-Laden deutscher Großstädte oder gar aus dubiosen Internetquellen bezieht, ohne zu wissen was ihm hier eigentlich wirklich als pharmazeutische Droge angeboten wird.In der Praxis wird es aktuell auch für den obigen Anwender und Konsumenten von dang gui letztlich sogar ungefährlich sein, ob die erstandene Wurzel von einer Angelica-Art oder von einer der nahe verwandten Gattungen Heracleum, Peucedanum, Ligusticum, Ostericum oder Archangelica stammt; der Genuß wird in diesem harmlosen Fall keinerlei Schaden anrichten, es sei denn die Wurzeldroge ist (wie oftmals in unkontrollierten chinesischen Pflanzenlieferungen) für eine längere Haltbarkeit und Konservierung überschwefelt.

Drogenbegriffe zwischen Pharmazie und Botanik am Beispiel Aconitum (乌头)

Spätestens beim Umgang mit Drogenzubereitungen von Vertretern diverser giftiger Gattungen wie z. B. der Gattung Aconitum (dt.: Eisenhut) muss aber bei dem deutschen Anwender aus Pharmazie und Medizin die größte Sorgfaltspflicht gefordert werden. So sind aus der Frühzeit der Homöopathie in England Todesfälle von Patienten bekannt, bei denen als homöopathisches Mittel Aconitum statt dem europäischen Aconitum napellus in unkontrollierter Verwechslung die Wildart Aconitum ferox aus der indischen Himalaya-Region (damals noch englische Kolonie) zur Anwendung kam. Zwar ist diese Art, die als giftigste Pflanze der Welt gilt, für die Volksrepublik China nicht kartiert, aber die durchgängig hochgiftige Gattung Aconitum ist in China ihrerseits mit insgesamt 366 Arten (!!!) vertreten, von denen in lokaler Differenzierung 35 Arten in China einer pharmazeutischen Verwendung zugeführt werden. Aber lediglich für Wurzelbestandteile aus 2 Arten (bzw. deren Aufbereitungen) liegen verlässliche Drogenmonographien aus dem chinesischen Arzneibuch vor (i. e. Aconitum carmichaelii und Aconitum kusnezoffii).

Apothekendroge Aconiti radix praeparata / zhi chuan wu (制川乌) aus der Wurzel des giftigen Eisenhuts; Foto:Thomas Grimm
Aconitum carmichaelii var. carmichaelii / wu tou, 乌头 / Wilson - Eisenhut / Chinese Aconite / Aconit d'Automne

Hier haben wir es definitiv mit pharmazeutischen Drogen zu tun, die wegen ihrer Gefährlichkeit ohne Abstriche auf eine verantwortungsvolle Kommunikationskette zwischen chinesischen Produzenten und europäischen Anwendern zurückgreifen muss. Diese Aufforderung betrifft zunächst den Drogenimport und dessen europäische Verteilersysteme. Mit der Übersetzung der chinesischen Pharmakopoe und den enthaltenen Drogenmonographien sollte für die betroffene Fachwelt vorerst ein hinreichender Schutz zur Wahrnehmung ihrer Sorgfaltspflicht für den Umgang mit diesen pflanzlichen Drogen gegeben sein. Für den professionellen Anwender bietet sich aber auch hier langfristig eine Datenbanklösung wie das Wörterbuch von Yaocaodict.com an, die das potentielle botanische Umfeld (hier: mindestens weitere 33 Aconitum-Arten aus der lokalen chinesischen TCM-Praxis) mit erfasst und für die weitere wissenschaftliche Kommunikation der Fachwelt auf internationalem Niveau erschließt.

Lexikalische Leistung einer chinesisch-europäischen Datenbank

Unser internationales Online-Wörterbuch hat das Anliegen auch über die bestehenden Drogenmonographien der Insiderkreise hinaus ein breiteres Verständnis für die chinesischen Heilpflanzen zu schaffen und damit die künftige Kommunikation zwischen chinesischen Lieferanten und europäischen Anwendern zu erleichtern. Gleichzeitig soll sie dem europäischen Laien auf botanischem Niveau den Einstieg in die chinesische Pflanzenheilkunde öffnen und zu einem besseren Verständnis der offiziellen chinesischen Pharmakopoe und ihrer Drogenmonographien beitragen.

Mit der Nutzung unseres Online-Lexikons wird der europäische Anwender u. U. merken, welches Giftpotential bisher unbemerkt als Herbst-Eisenhut (i. e. die o. g. giftige Art: Aconitum carmichaelii) in seinem häuslichen Staudengarten wachsen durfte. Auch mancher Arzt oder Heilpraktiker wird sich nach der volkskundlichen Übersetzung der chinesischen Drogenmonographien wundern, wenn er erkennt dass ihm die Droge Prunellae spica (夏枯草) gelegentlich schon beim Rasenmähen in seinem eigenen Garten als Gemeine Braunelle untergekommen ist. Oder dass er die eigentümliche Rindenstruktur von Ailanthi cortex (椿皮) auch beim Spaziergang in einem deutschen Stadtpark an einem Exemplar des Götterbaums hätte begutachten können – bei zahlreichen TCM-Pflanzen gibt es nämlich auffällige Kongruenzen zu den Heilpflanzen der Hildegard von Bingen aus der Tradition deutscher Klostergärten oder zu neueren homöopathischen Arzneimittelbildern.

Blütenähren der Braunelle aus der chinesischen Arzneidroge (xia ku cao, 夏枯草), wie man sie sogar im Rasen europäischer Hausgärten antreffen kann; Foto: Gerhard Höfer
Prunella vulgaris / xia ku cao, 夏枯草 / Kleine Braunelle / Common Self-heal / Prunelle commune

In der volkskundlichen deutschen Medizin ebenso wie in der pharmazeutischen Fachliteratur stößt man u. U. auf Rezepturen zur Verwendung der Garten-Angelica (Angelica archangelica), die dem Anwendungsbereich der chinesischen Wurzeldroge dang gui wiederum sehr nahe kommen. Hier gibt es also vergleichbare Schnittmengen zwischen europäischer und chinesischer Phythotherapie. Aber auch das Fremde und Neue aus der chinesischen Flora kann Neugier und Verständnis wecken, wenn es erst einmal hinreichend begrifflich erschlossen und damit zugänglich geworden ist. Bisher ist dieser Prozess vornehmlich dem wissenschaftlichen Anwender (Botanik und Pharmazie) und dem einschlägig interessierten Sinologen möglich. Unser Lexikon wird künftig auch dem botanischen Laien und einer großen Anzahl der Internet-User in den europäischen Sprachen einen verständlichen Zugang zu den chinesischen Heilpflanzen eröffnen.

Zugleich haben wir uns als Botaniker erlaubt, die botanische Taxonomie des chinesischen Arzneibuchs zu erweitern und zu aktualisieren (bestehende pharmazeutische Übersetzungen verhaften noch immer auf dem botanischen Forschungsstand der chinesischen Übersetzungsvorlagen aus der Zeit vor 1980). Für jede genannte Pflanzenart erfassen wir sämtliche gültigen wissenschaftlichen Synonyme einer Pflanzenart bis hin zur aktuellen Taxonomie der chinesischen Flora. Ältere Pflanzenbezeichnungen aus früheren Veröffentlichungen gehen damit nicht verloren sondern können dem aktualisierten Forschungsstand der chinesischen Flora angepasst werden (so sind beispielsweise drei Arten der Gattung Evodia – gelegentlich auch als Eudia –, die im chinesischen Arzneibuch noch als Species mit zwei Unterarten als Stammpflanze der Droge Evodiae fructus (吳茱萸) aufgeführt werden inzwischen botanisch als eine Art unter Tetradium ruticarpum zusammengefasst).

Die gleichzeitige Erfassung von chinesischen Pflanzenbezeichnungen aus unterschiedlichen chinesischen Sprachregionen samt deren volkskundlichen Drogenbezeichnungen mit den entsprechenden volkstümlichen Pflanzenbezeichnungen aus drei großen europäischen Sprachräumen (Deutsch, Englisch, Französisch) wird die Bedeutung der chinesischen Pharmakopoe in diesen westlichen Sprachräumen bis hin nach Amerika (Englisch) enorm festigen. Wo in der Vergangenheit im Ausland oftmals falsch verstandene Drogenbezeichnungen in Pinyin willkürlich einer vermuteten Pflanzenart als Stammpflanze der Droge zugeordnet werden mussten (weil es weder eine Übersetzung noch ein entsprechendes Nachschlagewerk gab), wird es künftig möglich sein, Drogenbezeichnung und Pflanzennamen dem landesspezifischen Sprachgebrauch entsprechend getrennt und exakt zu handhaben.

So haben wir schon im aktuellen Wörterbuch als Vorstufe zu einer folgenden lexikalischen Darstellung 1 239 chinesische Drogenbegriffe erfasst, die den 362 Pflanzenarten aus dem Arzneibuch der chinesischen Medizin zugeordnet werden und die in der endgültigen Fassung auch im Kontext der Pflanzendarstellung übersetzt und erklärt werden sollen (– für diese endgültige lexikalische Aufarbeitung und Bebilderung bitten wir unsere Besucher allerdings noch um ein bisschen Geduld).

Auf Irrtümer in der bisherigen Übersetzung von botanischen Bezeichnungen aus dem Chinesischen (z. B. Muttergedenken für chin. zhi mu (知母) / Anemarrhena asphodeloides) werden wir in der geplanten lexikalischen Aufarbeitung ebenso hinweisen wie auf Anbahnungen von unnötigen Namensschöpfungen, wenn es schon entsprechende fremdsprachliche Pflanzenbezeichnungen gibt (aktuell zu beobachten am Beispiel der Gojibeere / chin. gou qi (枸杞), die in Deutschland hinreichend als Bocksdorn bekannt sein könnte, aus diversen Gründen aber leichter als Gojibeere zu vermarkten ist und deshalb momentan mit diesem neuen Namen etabliert werden soll) oder frei erfundene Übersetzungen der botanischen Nomenklatur (Eupatorium fortunei nach seinem britischen Entdecker Robert Fortune benannt, taucht aktuell fälschlich als Glückswasserdost für pei lan (佩兰) in der übersetzten Nomenklatur auf). Andererseits werden wir das Verständnis der chinesischen Pflanzenarten vielerorts auch durch wörtliche Verständnis-Übersetzungen der einheimischen chinesischen Pflanzen- und Drogennamen ergänzen und somit zum interkulturellen Verständnis der behandelten Pflanzenarten beitragen indem wir die ursprüngliche chinesische Namensgebung für ausländische Nutzer erläutern. Häufig sind in den lokalen chinesischen Pflanzennamen Verweise auf Tierarten, regionale Herkünfte (z. B. Yunnan, Mongolei, Nord- oder Süd-China) aber auch schon potentielle pharmazeutische Anwendungsbereiche der chinesischen Medizin enthalten, sowie andererseits die chinesischen Drogenbegriffe häufig Rückschlüsse erlauben auf bevorzugte Anbaugebiete oder Zubereitungs- und Aufbereitungsmethoden der verwendeten Pflanzenteile.

Die TCM-Droge lu gen (芦根) würde wohl kaum von einem deutschen Endverbraucher als Wurzelteil unseres einheimischen Schilfrohrs (Stammpflanze: Phragmites australis) erkannt werden; Foto: Thomas Grimm
Die TCM-Droge lu gen (芦根)

Ausblick und Perspektiven

Mit insgesamt 4 653 Pflanzenarten aus chinesischen heilkundlichen Anwendungen geht Yaocaodict.com (chin. für Arzneipflanzenwörterbuch) im Februar 2010 an den Start und soll nun stufenweise weiter ausgebaut werden. 362 Pflanzenarten aus dem chinesischen Arzneibuch sind hier schon jetzt mit 2 831 volkstümlichen chinesischen Pflanzennamen erfasst, denen zugleich 1 237 chinesische Drogenbegriffe zugeordnet sind. Eine solche terminologische Ordnungsstruktur hat man in westlichen Publikationen bisher vergeblich gesucht – hier schließt das Wörterbuch von Yaocaodict.com schon jetzt eine wesentliche Lücke in der Kommunikation zwischen chinesischen und westlichen Anwendern.

Darüberhinaus sind weitere 4 300 Pflanzenarten (Stand: Februar 2010) in der Datenbank erfasst und ebenfalls schon mit Basiseinträgen in zwei bis fünf Sprachen abrufbar. Nach Abschluss weiterer redaktioneller Lektoratsarbeiten werden auch diese Einträge mit kompletten Datensätzen für das Wörterbuch freigeschaltet werden.Parallel arbeiten Fotografen, Texter und Lektorat um den Hamburger Botaniker Gerhard Höfer an den weiterführenden lexikalischen Einträgen, mit denen das Wörterbuch schrittweise zum bebilderten Lexikon ausgebaut wird.

Impression aus dem Yu Garden von Shanghai (上海豫园) an einem Regentag; Foto: Dr. Hans-Heinrich Müller
Impression aus dem Yu Garden von Shanghai (上海豫园)

Kurzum: Wir sind schon jetzt überzeugt, hier einen entscheidenden kulturellen Meilenstein in der chinesisch-europäischen Kommunikation zu setzen, von dem künftig zahllose Interessentengruppen weltweit profitieren können. Dies betrifft nicht nur TCM-Praktiker, Ärzte und Apotheker sondern auch europäische Importfirmen, Kultur- und Forschungseinrichtungen, Handelsfirmen im Bereich der TCM-Drogen, aber auch Botaniker und andere Wissenschafts- und Forschungsbereiche, die sich mit der chinesischen Flora beschäftigen und deren Heilanwendungen für westliche Anwender erschließen.

Nicht ohne Stolz verweisen wir auf den Umstand, dass das Wörterbuch Yaocaodict.com als Initiative des Inhabers einer botanischen Fachagentur in der Medienstadt Hamburg begründet werden konnte. So wie Shanghai im Rahmen der deutsch-chinesischen Partnerschaft in Hamburg das wirtschaftliche Tor nach Europa gefunden hat, möchten wir mit diesem Wörterbuch eine Kommunikationsbrücke schlagen, die für die künftige Kommunikation auch von Hamburg nach China zurückstrahlt. Wir hoffen damit zum kulturell belebten Geist einer partnerschaftlichen europäisch-chinesischen Politik beizutragen, die weit über Hamburg und Shanghai hinausreicht.

Yu Garden (豫园) in Hamburg; Foto: Gerhard Höfer
Yu Garden (豫园) in Hamburg

In diesem Sinne wünschen wir dem Wörterbuch Yaocaodict.com nicht nur einen weltweit interessierten und aufgeschlossenen Nutzerkreis, sondern auch Unterstützer und Mäzene, die durch ihre Spenden und Anzeigenaufkommen ein Interesse am weiteren Ausbau dieses Wörterbuchs signalisieren.

Gerhard Höfer
Hamburg, März 2010

 
 

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© Gerhard Höfer, 2010