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Pflanzenkundliche Führungen (TCM) in Hamburg

Veranstaltungen

Das Freigelände des Botanischen Gartens in Hamburg ist inhaltlich und gestalterisch in drei Abteilungen gegliedert: Pflanzengeographie, Pflanzensystematik (aktuell zur Neugestaltung in Überarbeitung) und die Abteilung Pflanze und Mensch. In der pflanzengeographischen Abteilung sind China und Japan eigene Themengärten zugeordnet, die neben geobotanischen Gesichtspunkten auch gärtnerische Gestaltungselemente der asiatischen Kulturen berücksichtigen, in denen auch der kulturelle Austausch zwischen den Partnerstädten Shanghai und Hamburg ihren Niederschlag findet.

Chinesischer Pavillon im Botanischen Garten der Universität Hamburg (Klein Flottbek) mit blühenden Magnolien und Kirsch-Bäumen im Frühling; 汉堡植物园的中国凉亭中盛开的白玉兰和云南樱花; Foto: Christa Palma
Chinesischer Pavillon im Botanischen Garten der Universität Hamburg (Klein Flottbek)

Im Rahmen der Veranstaltungen zur China Time 2010 (9.–25. September) hatte Gerhard Höfer, der Autor unseres Wörterbuchs, im Botanischen Garten der Universität Hamburg mehrere pflanzenkundliche Führungen angekündigt, um im asiatischen Teil der pflanzengeographischen Anordnung diverse Stammpflanzen chinesischer Arzneidrogen (offizielle Pharmakopoe der VR China) zu zeigen. In einem interkulturellen Gesprächsansatz wies er in seinem Vortrag immer wieder auf gemeinsame Schnittmengen zwischen europäischer und asiatischer Heilkunde hin und erläuterte die unterschiedlichen kulturellen Einstellungen zur Pflanzenwelt zwischen China und Europa im Verlauf geschichtlicher Entwicklungen. Auch Pflanzenarten aus der chinesischen Volksheilkunde, die im Freiland des Botanischen Gartens in Hamburg gedeihen wurden gezeigt und besprochen.

Foto: Thomas Grimm
Pflanzenkundliche Führung (TCM) im Botanischen Garten der Universität Hamburg (Klein Flottbek)

Um Intensität in Gespräch und Beobachtung zu gewährleisten war die Gruppengröße bei drei Führungen auf jeweils 12 Teilnehmer beschränkt, so dass leider nicht alle InteressentInnen zu den Veranstaltungsterminen aufgenommen werden konnten. Die botanische Führung, die auf ein breites öffentliches Interesse stieß, kann für geschlossene Interessentengruppen auf Anfrage jederzeit wiederholt werden.

Foto: Thomas Grimm
Ginkgo biloba / yin xing, 银杏 / Ginkgo / Duck's Foot Tree / Arbre aux quarante écus

Den berühmten Ginkgo-Baum, den Goethe 1815 in einem Gedicht für seine späte Liebe Marianne von Willemer beschreibt, kennen viele; bei unserer Führung im September konnten wir uns auch seine Früchte, die Silberaprikosen (chin.: yin xing 银杏) einmal genauer ansehen und etwas über die unterschiedlichen Nutzungen der Baumart in China und Europa erfahren. Während man weibliche Ginkgo-Bäume in Europa wegen des penetranten Geruchs der reifen Früchte systematisch unterdrückte, gelten die Samenkerne dieser „Silberaprikosen“ in China von alters her als Delikatesse, auch wenn sie im Arzneibuch der chinesischen Medizin zu den Mitteln mit drastischer Wirkung gezählt werden. Bestimmten Inhaltsstoffen der Blätter des Baums, weist auch das deutsche Arzneibuch durchblutungsfördernde Eigenschaften zu, die sich dem Endverbraucher allerdings nicht im Aufguss von sog. „Einstein-Tees“ o. ä. erschließen; bei vaskulärer Demenz empfiehlt es sich in Deutschland auf Extrakte aus Ginkgoblättern der pharmazeutischen Industrie in den Arzneimitteln der Apotheke zurückzugreifen.

Foto: Thomas Grimm
Pflanzenkundliche Führung (TCM) im Botanischen Garten der Universität Hamburg (Klein Flottbek)

Bocksdorn aus der Familie der Nachtschattengewächse wurde 1890 in einer deutschen Dissertation als Giftpflanze eingestuft; obwohl diese Einschätzung schon 1891 widerrufen wurde, hält sich diese Fehlinformation in westlichen Kulturen hartnäckig aufrecht – für Chinesen ist dieses Missverständnis kaum nachvollziehbar, da sie die Beeren beider Bocksdornarten (Lycium barbarum und Lycium chinense) in gleichem Maße als Nahrungsmittel schätzen, wie auch auf deren Anwendung im Repertoire der traditionellen chinesischen Medizin zurückgreifen. Importe der Pflanzenart über Asia-Läden oder Internet, die für Deutschland als „Bocksdorn“ ausgewiesen sind, werden deshalb nur schwer den Weg zum europäischen Endverbraucher finden, zumal diese Früchte keinen pharmazeutischen Kontrollen unterliegen und meist hoffnungslos überschwefelt sind (unser Bild). Erfolgversprechender ist dann schon eher die aktuelle „Neuerfindung“ der Beerenfrucht, die in Deutschland jetzt zunehmend als Gojibeere (gou qi 枸杞) vermarktet wird.

Foto: Thomas Grimm
Pflanzenkundliche Führung (TCM) im Botanischen Garten der Universität Hamburg (Klein Flottbek)

Die Chinesische Abelie, die mittlerweile auch als Zierstrauch mit diversen Zuchtvarietäten in europäischen Gartenanlagen gepflanzt wird, ist in der chinesischen Volksheilkunde noch als Teestrauch (u. a. mit dem chinesischen Namen cha tiao shu 茶条树) bekannt.

Foto: Thomas Grimm
Pflanzenkundliche Führung (TCM) im Botanischen Garten der Universität Hamburg (Klein Flottbek)

Zwischen Magnoliensträuchern und Leopardenblumen trieb Ende September auch der Herbsteisenhut (Aconitum carmichaelii) seine ersten Blüten – Anlass für den Pflanzenkundler auch auf Giftpflanzen im chinesischen Arzneibuch und deren Gefahren hinzuweisen. Die tödliche Wirkung des Aconitins (Hauptalkaloid in zahlreichen Vertretern der Gattung Aconitum, die in China mit 366 Arten erfasst ist) ist in asiatischen wie europäischen Kulturen hinlänglich bekannt. Selbst die bloße Berührung der Pflanze kann eine Giftaufnahme durch die Haut mit Herzrhythmusstörungen in Folge bewirken. Die heilkundlichen Anwendungen von Aconitum – egal ob homöopathische Dosierungen von europäischem Aconitum napellus oder die diversen chinesischen Arzneizubereitungen von Aconitum carmichaelii (wu tou 乌头) und anderen asiatischen Eisenhutarten gehören deshalb ausschließlich in den Verantwortungsbereich erfahrener Ärzte.

Foto: Thomas Grimm
Pflanzenkundliche Führung (TCM) im Botanischen Garten der Universität Hamburg (Klein Flottbek)

Die Fiederblätter des Götterbaums (Ailanthus altissima), dessen Rinde im Arzneibuch der chinesischen Medizin als TCM-Droge chun bai pi 椿白皮 behandelt wird, weisen kleine Drüsen auf, die man an der Blattbasis ertasten kann. Damit unterscheidet sich das gefiederte Laubblatt vom ähnlichen Habitus des Chinesischen Surenbaums (Toona sinensis), dessen Blattsprosse wiederum in einigen chinesischen Provinzen als Gemüse zubereitet werden. Der chinesische Volksmund unterscheidet beide Baumarten vornehmlich an ihrem Geruch als stinkend (chou ) oder wohlriechend (xiang ). Allen chinesischen TeilnehmerInnen wurde für die Führung in Flottbek eine Liste der behandelten Pflanzenarten mit chinesischen Pflanzennamen ausgehändigt; das Wörterbuch von Yaocaodict.com konnte damit erstmals auch seine Funktionalität in der interkulturellen Begegnung unter Beweis stellen.

Foto: Thomas Grimm
Pflanzenkundliche Führung (TCM) im Botanischen Garten der Universität Hamburg (Klein Flottbek)

Die Blütezeit des Japanischen Rosinenbaums (Hovenia dulcis) mit ihrer reichhaltigen Nektarproduktion war gerade beendet. Im Hamburger Klima hat die Baumart aus der Familie der Rhamnaceae nur wenig Chancen auch erfolgreich zu fruchten. Die chinesische Volksheilkunde schätzt die süßen Beeren dieses Baumes sehr, verwendet sogar das Holz des Baumes als „Honigholz“ (mu mi 木蜜); auch seine Wurzeln (zhi ju gen 枳椇根) Rinde (zhi ju mu pi 枳椇木皮) und Blätter (zhi ju ye 枳椇叶) finden Verwendung in der chinesischen Volksheilkunde. Das chinesische Arzneibuch behandelt vornehmlich eine nahe verwandte Baumart aus der Familie der Rhamnaceae, die Jujube (auch Chinesische Dattel genannt), die zu den ältesten Kulturbäumen der Welt zählt. Ihre Früchte waren auch schon in den mittelalterlichen Apotheken Europas als „Brustbeerlein“ bekannt und geben Aufschluss auf die lange Tradition der Handelsbeziehungen zwischen Europa und China, die über die Handelsrouten der Seidenstraße die Wurzeln beider Kulturkreise seit mindestens zwei Jahrtausenden verbindet.

Der botanische Zugang zur chinesischen Medizin, ihren Drogen und deren Stammpflanzen war für alle Teilnehmer der Veranstaltung sehr aufschlussreich und birgt Stoff für unzählige spannende Erkundungen in Folge. Dem Autor des internationalen Wörterbuchs ist sein Engagement bei der Bearbeitung des Themas auf Schritt und Tritt anzumerken. Nahezu 6 000 Pflanzenarten aus der chinesischen Heilkunde erschließt er aktuell für den europäischen Sprachgebrauch. Bei der Führung nahm auch schon die angekündigte lexikalische Ausgestaltung des Wörterbuchs sinnlich verständliche Formen an; kaum ein Pflänzchen in der China-Abteilung des botanischen Gartens blieb übrig, für das der Autor nicht interessante heilkundliche und kulturelle Zusammenhänge schildern konnte, auch wenn er sich beharrlich weigert die Wirkungsweisen chinesischer Medikationen bei einer öffentlichen Veranstaltung für Laien zu erläutern. „Das ist Aufgabe berufener Ärzte und Apotheker, die chinesische Medizin betreiben“ sagt der Pflanzenkundler, „seriöse Vertreter dieser Heilkunst müssen auch in China ein 8-jähriges Studium absolvieren. Bedauerlicherweise werden zur Zeit die Drogen der chinesischen Medizin in verantwortungslosem Internet-Marketing immer wieder verharmlost. Die chinesische Medizin selbst läuft damit Gefahr ihr effektives Potential in der Hand von Scharlatanen zu verlieren.“ Der Hamburger Fachautor würde sich deshalb freuen, wenn Ärzte und Apotheker aus dem Umfeld der praktizierten TCM-Anwendungen ein größeres Interesse für die botanischen Grundlagen ihrer Heilkunst aufbringen würden: „Langfristig kommen wir nicht umhin, den kulturellen Austausch mit China auf unterschiedlichsten Ebenen voranzutreiben und Pflanzenkunde ist ein wichtiger kultureller Pfeiler, von dem nicht nur die Medizin beider Kulturkreise profitiert“ sagt

Gerhard Höfer
Hamburg, Juli 2011

Foto: Thomas Grimm
Pflanzenkundliche Führung (TCM) im Botanischen Garten der Universität Hamburg (Klein Flottbek)

PS:
Thomas Grimm, der als Fotograf die Pflanzenführungen in Flottbek begleitet hat, bearbeitet mit uns auch die bildliche Umsetzung der Drogen des chinesischen Arzneibuchs. Interessenten an dieser pharmazeutisch-botanischen Fachdokumentation können sich ab sofort in die Produktion einklinken und Teile unserer lexikalischen Bebilderung auf Wunsch vorab in Printmedien berücksichtigen.

 
 

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© Gerhard Höfer, 2010